NZZ am Sonntag Magazin vom 29.08.21: Und dann ein Ultraschall, auf dem nichts mehr zu sehen war

Mit Bedauern habe ich den Artikel über die Fehlgeburten von Cécile gelesen. In meiner Arbeit als Kinderwunschcoach und Mentaltrainerin stelle ich leider immer wieder fest, dass sowohl das Thema Fehlgeburt als auch der unerfüllte Kinderwunsch in unserer sogenannt liberalen und aufgeschlossenen Gesellschaft immer noch tabuisiert wird. Man spricht ganz einfach nicht darüber, obwohl es noch viel häufiger vorkommt, als die Allgemeinheit annimmt. Aber genau dieses Schweigen erzeugt bei Frauen und Paaren in dieser sonst schon schwierigen Kinderwunschzeit Scham, Unsicherheiten und letztendlich Stress, welcher wiederum nicht förderlich ist bei einem unerfüllten Kinderwunsch.

Eine weitaus höhere Tabuisierung erleben Frauen und Paare, wenn es um die Eizell- oder Samenspende geht. Darüber wird ein noch dickerer Mantel des Schweigens gelegt. Doch ist es eine Tatsache, dass immer mehr Paare ins Ausland ausweichen, um von diesen Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Neben gesetzlichen Rahmenbedingungen sind auch die Kosten und die Tabuisierung in unserer Gesellschaft immer wieder Gründe, dass Paare ihr Glück im Ausland suchen. Dabei wäre es so heilsam ohne Scham und Ängste mit der Familie oder mit Freunden darüber zu reden.

Warum muss Cécile sich dafür entschuldigen, dass sie mit ihrer Erzählung andere vor den Kopf stösst? Müsste es nicht gerade umgekehrt sein? Kinderlosigkeit ist weder eine Krankheit noch eine Schande. Was macht es einer breiten Öffentlichkeit so schwierig zu akzeptieren, dass Nichtschwangerwerden, Fehlgeburten, Eizell- oder Spermaspenden, Endometriosen, Eileiterschwangerschaften uva. zu unserer modernen Gesellschaft gehören – und vermutlich weiter zunehmen werden aufgrund der demografischen Entwicklung? Warum ist es nicht so normal wie Fahrradfahren und eben Kinderkriegen, dass auch gleichgeschlechtliche Paare einen Kinderwunsch haben? Als Frau, als Kinderwunschcoach und als jahrelange Kinderwunschpatientin finde ich, es ist höchste Zeit, mit der Zeit zu gehen und diesen Themen anzusprechen. Den Frauen und Paaren gebührt Respekt für ihre Leidenschaft und für ihr Engagement, die sie für ihren Traum der eigenen Familie aufbringen.

https://epaper.nzz.ch/article/8/1101103/2021-08-29/16/293802977

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